Der Musiker Peter Roth hat dem Toggenburg eine Klangwelt geschenkt,die der Region neue Horizonte eröffnet.

 

ALLES IST KLANG

Alles klingt. Der Bach, die Blätter, die Musik. Peter Roths Erklärungen zum Thema Klang zuzuhören eröffnet eine neue Welt, fasziniert. «Das Ohr ist das erste Organ, das komplett ausgebildet ist und das letzte, das stirbt», erklärt der Musiker aus Unterwasser. Bereits im Mutterleib nehmen wir die Klänge wahr. Durch das Fruchtwasser werden die Töne aber so stark gefiltert, dass nur die Obertöne ans Ohr des Ungeborenen gelangen. Später wird es die Mutter an den Obertönen wieder erkennen, wird eine Welt durch den Klang entdecken. «Bis zehn Tage nach der Geburt hört das Kind nur Obertöne, danach erlebt es eine akustische Geburt und erfährt die realen Töne. Und der Mensch ist im Unterbewusstsein so sensibilisiert, dass man automatisch eine hohe Stimme einsetzt, wenn man mit einem Baby spricht. Tiefe Töne machen den Kindern Angst.» Menschen, die nach einem Herztod reanimiert wurden, erzählen davon, dass ihre Ohren die Umgebung immer wahrgenommen haben, sie alles verstanden haben, was gesprochen wurde. «Das Ohr stirbt also zuletzt», sagt Peter Roth. Ohne die Möglichkeit, sich zu verschliessen, empfängt das Ohr Tag und Nacht Millionen von Klangimpulsen und versorgt so über den Nervus vagus Organe und Muskeln mit dieser Klangenergie. «Damit wird klar: Klang ist von der Zeit im Mutterleib bis zum Tod eine ebenso lebenswichtige Energiequelle wie Flüssigkeit und Nahrung.»


Alles ist Klang. Peter Roth berichtet von eigenen Erfahrungen mit Obertönen in seiner musikalischen Ausbildung. «Beim Schellenschütte und den Naturjodeln hier im Toggenburg habe ich schon als kleiner Junge Gänsehaut bekommen.» Er wollte mehr wissen von diesen Klängen und deren Wirkung und besuchte einen Obertonkurs. «Ich nahm nichts wahr, hatte keine Ahnung, von was die sprechen, bis ich auf der Fahrt nach Hause in der Zugstoilette den Wind Obertöne singen hörte.» Später erfuhr er vom wissenschaftlichen Hintergrund, erlebte die Klänge neu und intensiver, forschte ausgiebig und stellte fest, dass der Klang allumfassend ist. «Nada Brahma – die Welt ist Klang. Dieser Satz der vedischen Philosophen des alten Indiens beschreibt den Schwingungscharakter der Welt. Nichts – auch nicht das, was uns als fest und starr erscheint – ist ohne Bewegung. Alle Materie ist von Schwingung durchdrungen und wird vom Auge als Form und Farbe und vom Ohr als Klang wahrgenommen. »


Klang habe in allen Religionen seinen festen Platz und seine zentrale Bedeutung: Ohne Kirchenglocken oder Gongs, ohne Sanctusglöcklein oder Klangschalen, ohne Choräle oder Mantras wird kein Ritus zelebriert und kein Gottesdienst gefeiert. Klänge und Töne haben Peter Roth erfasst und ihm eine Welt eröffnet. Wer ihn erzählen hört spürt die Faszination. «Das Frösteln beim Johlen und beim Hören von Naturklängen ist geblieben, sogar stärker geworden.» Mit seinem erforschten Wissen konnte er die Naturklänge im Toggenburg neu erleben und deren Wirkung verstehen. Roth begann die Naturjödel zu studieren, das Hackbrett einzusetzen und die Klangwelt Toggenburg zu ergründen. Der 62-jährige Musiker unterrichtete, spielte im Toggenburg Volksmusik, begann Chöre zu leiten, Kurse im Naturjodel anzubieten und schrieb eigene Werke. Als Initiant der KlangWelt Toggenburg stellt er sein grosses Fachwissen zur Verfügung und ermöglicht der Region daraus ein neues touristisches Produkt zu entwickeln. Die Klangkurse, das Klangfestival NaturStimmen, der Klangweg sind erfolgreich lanciert und umgesetzt worden. Das grosse Teilprojekt, das Klanghaus am Schwendisee, wird immer konkreter. «Mit diesen Projekten haben wir es geschafft, den Klängen im Toggenburg eine Identität zu geben und daraus eine Wertschöpfung zu generieren, ohne dass die Klänge und Musik zur Folklore verkommt und missbraucht wird. Klang ist der grösste Schatz, den das Toggenburg derzeit hat.» Der bekannte Musiker – seine Werke werden von vielen Chören gespielt – öffnete schon früh seine musikalischen Horizonte in alle Himmelsrichtungen und stellte schnell fest, dass die Gesetze von Schwingungen, Klängen und Obertönen in allen Regionen der Welt gleich funktionieren. Wenn Peter Roth in seine Klangwelt abtaucht, ist deutlich zu spüren, wie nahe er der Schwingung ist. «Ich brauche Klang zum Leben. Naturjödel aus dem Alpstein, Mantras aus dem Tibet oder auch die Töne aus dem Saxophon von John Coltrane sind für mich unverzichtbar.»


Im neuen Dokumentarfilm «Johle und Werche» von Thomas Lüchinger spielt Peter Roth eine zentrale Rolle. Sein Charisma fesselt, seine Klänge berühren die Menschen und er nimmt sie gerne mit auf seine Klangreisen. «Peter Roths Musik zielt direkt ins Herz!», erklärte der Journalist Gundi Klemm zu einer Aufführung der Toggenburger Passion, des bekanntesten Werks des Toggenburgers, in der «Berner Zeitung». Viel Herzblut steckt er in das Projekt KlangWelt. «In unserm System zählen vor allem Hochleistung, Tempo und Wettbewerb », schrieb Peter Roth in einem längeren Artikel. «Sich Zeit lassen, Verweilen und zur Ruhe kommen sind nicht gefragt. Dabei wäre eben dies die Voraussetzung dafür, dass sich Klang entwickeln, Resonanz bilden und seine wunderbar heilende Wirkung entfalten kann. Der Fokus westlichen Musikhörens liegt auf Melodie, Harmonie und Rhythmus. Die vierte Dimension der Musik, der Klang, kann sich nur auf dem Hintergrund von Stille, Beschränkung und stetiger Wiederholung entfalten. In einer Zeit von Unrast, Hektik und Lautheit liegt aber gerade darin die grosse Chance: Klang macht uns still. Klang bringt uns zu uns selber. Und dort erst, in der Stille, tief im eigenen Innern, können wir ihn hören: Den vollen Klang der Welt, die sich unsichtbar um uns weitet.» Die Klang- Welt ist eine Chance dieser Welt näher zu kommen.


Interview Stephan K. Haller Büro Toggenburg

Quelle: Toggenburg aktuell 54 Herbst 06